Mit Geduld und Spucke?

Sehr geehrte HAZ-Lokalredaktion,

mit einiger Verwunderung muss ich auch heute wieder Ihre kritiklose Berichterstattung über die Speicheltestaktion in Linden zur Kenntnis nehmen. Bislang galt im deutschen Rechtssystem die Unschuldsvermutung. Das heißt, selbst wenn jemand eines Verbrechens beschuldigt oder verdächtigt wurde galt er solange als unschuldig, bis er rechtskräftig verurteilt war. Aufgabe der Ermittlungsbehörden ware es, seine Schuld zu beweisen oder zumindest genug Indizien für eine Anklageerhebung zu sammeln. Mit Aktionen wie dem Speicheltest wird dieses System vollkommen auf den Kopf gestellt.

„Wer sich nicht testen lässt, macht sich verdächtig“ hat ein „freiwilliger“ Testteilnehmer sein Mitwirken begründet – genau hier liegt die Problematik. Plötzlich sollen unbescholtene Bürger, die wahrscheinlich die Tote gar nicht kannten, kein Motiv und in vielen Fällen ein Alibi für die Tatzeit haben, ihre Unschuld beweisen und ihre DNS untersuchen lassen. Wer sich verweigert, bekommt Besuch von der Kripo und muss mit „intensiven Fragen“ rechnen, wird vielleicht sogar vom Staatsanwalt vorgeladen  – völlig ohne sonstige Verdachtsmomente. Alles, was man sich in diesem Fall vorzuwerfen hat, ist, dass man zwischen 18 und65 Jahre alt ist und in Linden wohnt! 

Wer die Problematik dieser Vorgehensweise nach dem Motto „Ich hab ja nichts zu verbergen“ nicht erkennt, kann das gedanklich ja mal auf die Spitze treiben: konsequent wäre dann, wenn jeder Bundesbürger eine Speichelprobe in einem Zentralarchiv ablegt, das würde die Ermittlungsarbeit der Polizei immens erleichtern. Oder noch besser: jeder Bürger bekommt einen Chip implantiert, mit dessen Hilfe immer festgestellt werden kann, wo er sich gerade befindet. Dürfte ja kein Problem sein, wenn man sich nichts zuschulden kommen lässt.

Was geschieht eigentlich nach dem Test mit den Proben? Wie wird garantiert, dass sie nicht archiviert werden oder in falsche Hände geraten? Es wäre nicht das erste mal, dass sensible Daten plötzlich in einer Mülltonne gefunden werden… Bei allem Verständnis für die schwierige Ermittlungsarbeit der Polizei, die einen frei herumlaufenden Mörder finden muss: eine völlige Verkehrung unseres Rechtssystems und ein dermaßen weitreichender Eingriff in die Privatsphäre kein meines Erachtens nicht die Lösung sein und sollte von einer Zeitung, die an anderer Stelle so engagiert gegen die staatliche Missachtung des Denkmalschutzes kämpft, entsprechend kritisiert werden.

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2 Antworten to “Mit Geduld und Spucke?”

  1. Kritiker Says:

    Sehe ich auch so. Wer nicht zum Test geht, wird Besuch bekommen, ich weiss das solche VErgleiche platt sind, aber im ertsen Augenblick klingt es wie die Gestapo.

    Auch absolut Geil und unreflektiert ist Hannovers Polizeipraesident Binias. Nach dem das BVG die Vorratsdatenspeicherung aus dem Window geschmissen hat, beschwert er sich das jetzt Kreditkarten und Warenbetrug im Internet nicht mehr geahndet werden kann. Dabei hat das BVG in einem frueheren Urteil dieses Machtsinstrument fuer „schwere Straftaten“ wie dem Terror zweckgebunden. Jetzt moechte ich mal vom Herrn Binias wissen ob die Polizei Hannover diese Auflage ignoriert hat und wenn ja, wo beschwere ich mich?

    http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/66841/1583768/polizeidirektion_hannover

  2. Smithee Says:

    Das hätte ich nicht gedacht: die HAZ hat meinen Leserbrief heute sogar veröffentlicht!

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